Schulpolitik verschärft den Zugang zum Gymnasium

von Ulrike Lexis  //  Einige Bundesländer ändern die Bedingungen im Übergang Grundschule-weiterführende Schule, indem sie das Elternwahlrecht abschaffen oder verwässern, den Grundschul-Empfehlungen kommt so wieder mehr Gewicht zu.

In Berlin gilt seit Beginn dieses Schuljahrs eine neue Regelung für den Schulübertritt. Kinder müssen für einen Platz am Gymnasium jetzt einen Notendurchschnitt von 2,2 oder besser in den Kernfächern der Grundschule erreichen. Ist der Schnitt schlechter, können sie noch versuchen, an einem Probetag mit Tests ihre Eignung fürs Gymnasium zu zeigen. Anfang März wurde allerdings bekannt, dass dabei dieses Jahr 97,4 Prozent der Kinder durchfielen.[1]

Auch Baden-Württemberg hat zuletzt den Zugang zu Gymnasien erschwert. Seit dem Schuljahr 2024/25 dürfen Eltern dort nicht mehr allein entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihr Kind kommt, so wie das in vielen anderen Bundesländern üblich ist. In Brandenburg, Thüringen und Sachsen gibt es ähnliche Verfahren wie in Berlin. In Niedersachsen forderte die CDU vergangenes Jahr Aufnahmetests fürs Gymnasium.

In Bayern wird das Übertrittszeugnis in der vierten Klasse, das über den Wechsel auf die nächste Schule maßgeblich entscheidet, schon lange als „Grundschulabi“ besonders gefürchtet.

„Aus der Wissenschaft ist noch ein weiteres Argument für strenge Grundschulempfehlungen bekannt: „Wenn die Empfehlung nicht verbindlich ist und man den Eltern die Wahl lässt, dann verfestigt das soziale Ungleichheit“, sagt Mira Fischer, die beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung unter anderem zu Bildung forscht. Akademiker-Eltern, deren Kinder ohnehin bessere Startchancen haben und mit mehr Kompetenzen eingeschult würden, setzten sich eher über eine Empfehlung für eine Realschule hinweg und meldeten ihre Kinder trotzdem am Gymnasium an.

Wenn die Grundschulempfehlung verbindlich sei, lernten Kinder bis zur vierten Klasse zudem mehr und schnitten in Kompetenztests besser ab – das zeigte Fischer zusammen mit Maximilian Bach 2021 in einer Studie. Das Ganze habe aber auch eine Kehrseite: Kinder gaben, so Fischer, in Umfragen selbst an, dass sie durch verbindliche Empfehlungen gestresster seien, weniger gern lernten und mehr Zukunftsängste hätten.

Die Studie zeigt für Fischer, dass die Politik „zwischen unterschiedlichen Zielen abwägen muss“: Dem Wohlbefinden der Kinder und höheren Kompetenzen. Selbst vermeintlich objektive Tests benachteiligen allerdings oft genug Kinder aus bildungsfernen Familien, wie eine neue Analyse des Leibniz‑Institut für Bildungsverläufe unterstreicht. Diese haben demnach nicht nur schlechtere Lernbedingungen, sondern würden selbst bei gleicher Leistung häufig schlechter bewertet.“

Gymnasien dürften qualitativ von diesen Veränderungen profitieren. Aus NRW ist keine Reaktion bekannt.

 

[1] https://www.sueddeutsche.de/politik/schuluebertritt-grundschule-gymnasium-druck-li.3451811

    Bild:  Petra auf Pixabay