Grundschulpaket NRW (Masterplan GS)

Endlich!Auch die Richtung stimmt

meint Ulrike Lexis 

 718 Millionen Euro stellt das Land, verteilt über fünf Jahre, zur Verfügung. Der neue Masterplan für die Grundschulen „deckt die gesamte Bandbreite der schulischen Arbeit ab“, so das Ministerium. Er hat „sieben Handlungsfelder und zeigt mit einem Mix aus kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen die Leitideen für eine zukunftsfähige Grundschule auf: 

  1. Unterricht – Auf das Wesentliche konzentrieren, fachliches Lernen stärken 
  2. Übergänge gelingend gestalten 
  3. Ganztag – Kooperation von Jugendhilfe und Schule 
  4. Personelle Rahmenbedingungen gezielt verbessern 
  5. Sächliche Rahmenbedingungen 
  6. Gemeinsames Lernen wohnortnah ermöglichen 
  7. Weitere Maßnahmen zur Unterstützung und Entlastung der Grundschulen und deren Lehrkräfte“ 

Die „Reformen“ der vergangenen Jahre, in einigen Fällen wenig durchdacht und überhastet durchgezogen – wie die Inklusionsgesetzgebung 2014 von Rot-Grün – haben in den Augen vieler Pädagogen und Wissenschaftler zu erheblichen Kompetenzverlusten bei Grundschulkindern geführt. Viele Tests[1] und Vergleichsarbeiten (wie z.B. VERA[2]) haben dies immer wieder bestätigt.  

Es ist gut und war an der Zeit, die in die Irre führenden „Reformen“ zurück zu drehen. Zu diesen zählt v.a. Englischunterricht ab der ersten Klasse (eingeführt 2009 unter Jürgen Rüttgers). Diese hat nachweislich – insbesondere für Kinder, deren erste Sprache nicht Deutsch ist – zu gravierenden Problemen beim Spracherwerb geführt. Die für Englisch aufgewendete Lernzeit kann in den ersten Grundschuljahren sinnvoller verwendet werden. „Besonders für mehrsprachige Kinder ist es essenziell, zunächst mit der Herkunftssprache der Eltern aufzuwachsen. Es geht dabei nicht nur um Wortschatz und Grammatik. Kinder erschließen sich die Welt über die Sprache ihrer Eltern. Deshalb ist es auch so wichtig, dass jeder die Möglichkeit hat, mit seinen Kindern die Sprache zu sprechen, die er am besten beherrscht. Eine gut verinnerlichte Muttersprache befördert das Erlernen weiterer Sprachen“, so die Mehrsprachlichkeitsforscherin Claudia Maria Riehl.[3] Konsequenz: der Herkunftssprachliche Unterricht ist der Schlüssel für erfolgreiche Migrantenkinder (HKU) und sollte entsprechend gefördert werden.  

Laute und überhitzte Debatten gab es um die vereinfachte Ausgangsschrift (VA), eine mögliche Abschaffung der Schreibschrift und die sog. Ganzwortmethode, die – in den Augen vieler Eltern zu  hohe – Fehlertoleranz in der Schriftsprache und die über allem stehende Kompetenzorientierung in vermeintlichem Gegensatz zu fachlichem Wissen und Können.  

Zur Debatte um den Gemeinsamen Unterricht möchte ich hier nicht erneut Position beziehen. Das Ministerium stärkt nun den Gemeinsamen Unterricht endlich auch personell und setzt weitere Anker in der Lehrerfortbildung – für viele Kinder kommt dieses Angebot zu spät. Dass die schlechte Umsetzung der Inklusion in den NRW-Schulen mit zu den verschlechterten Ergebnissen der Schülerinnen und Schüler geführt hat, kann man vermuten, aber eher nicht zweifelsfrei nachweisen. 

Die Gegenbewegung ist nun gestartet. Schulministerin Gebauer stellt den schillernden Begriff der „Leistung“ in den Vordergrund und will die Fachlichkeit stärken (dies erwähnt sie gleich im zweiten Satz des 1. Handlungsfelds „Unterricht – auf das Wesentliche konzentrieren, fachliches Lernen stärken. Als Mittel benennt sie mehr Stundenvolumen, Lehrplanerneuerung und personelle Mittel für sog. „Fachkoordinatoren“ sowie finanzielle Mittel in einem neuen Fonds. Was die „Fachkoordinatoren“, v.a. in der Fläche, bringen werden, bleibt abzuwarten. Den Schulen weitere Stunden für inhaltliche Arbeit und Fortbildung zur Verfügung zu stellen, wäre sicher auch geeignet gewesen, die Fachlichkeit zu verbessern. Noch besser wäre, die Schulen und die einzelnen Lehrer von sachfremden, administrativen Tätigkeiten weitestgehend konsequent zu befreien. 

Im Masterplan befinden sich auch lustige Punkte, so eine Stärkung des Schwimmsports durch Finanzierung von Schwimmkursen in den Ferien. Wer die Entwicklung in diesem Bereich in den letzten Jahren verfolgt hat, kann – gemeinsam mit mir – darüber lachen, wie dies in den vielen überfüllten Spaßbädern gelingen soll, wo doch die klassischen Hallen- und Freibäder mit ihren langweiligen Bahnen flächendeckend zugunsten von Planschbecken oder anderen städtebaulichen Ansätzen abgerissen oder geschlossen werden. 

Sehr zu begrüßen ist die Verbesserung der personellen Ausstattung der Grundschulen, bleibt zu hoffen, dass auch die Fachlichkeit der Ausbildung, die im Konzept nicht angesprochen wird, intensiviert wird. Es ist eine Binse, dass v.a. in der Grundschule Lernen über Beziehungsaufbau zum Lehrer und zur Lehrerin funktioniert. Soll also die Fachlichkeit gestärkt werden, gehört die Lehrerausbildung zwingend ins Konzept, es ist aber nur von einer quantitativen Stärkung der Lehrerausbildung die Rede. 

Ebenso erfreulich ist die Stärkung des IT-Einsatzes, im Konzept wird die Rolle der Schulträger dabei allerdings unerwähnt gelassen, die Schnittstelle zum Schulträger ist aber ausschlaggebend bei der anlaufenden Ausstattungsoffensive. Hinzugefügt sei noch, dass der an die Schulen delegierte 1st Level Support schon jetzt nicht mehr zu leisten ist und in Zukunft die EDV-Verantwortlichen an Schule vollständig überfordern dürfte (Vgl. Artikel von Wolfgang Richter). 

Die Stärkung der Verwaltung von Grundschulen durch flächendeckende Konrektorenstellen und Verwaltungsassistenten könnte dazu führen, wieder mehr motivierte Schulleiter und Schulleiterinnen zu gewinnen, die mit Spaß, Elan und Energie ihre Position ausfüllen können, dies ist der richtige Weg! 

Es bleibt zu hoffen, dass weitere flächendeckenden Experimente, die pädagogischen Moden folgend, in Zukunft unterbleiben und stattdessen an den Stellen „reformiert“ wird, wo dringender Handlungsbedarf besteht. Die Stoßrichtung des Konzepts der Bildungsministerin liegt da aus meiner Sicht goldrichtig, in der Umsetzung wird man sehen, ob die eingesetzten Mittel für messbare Effekte ausreichen. 

 Zitate aus: https://www.schulministerium.nrw.de/presse/pressemitteilungen/ministerin-gebauer-der-masterplan-ist-die-grundlage-fuer-die-grundschule (21.8.2020) 


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[1] Vgl. z.B. https://news.rub.de/presseinformationen/wissenschaft/2017-05-08-grundschule-frueher-englischunterricht-weniger-effektiv-als-erhofft (21.8.2020) sowie  
[2] Es ist bei einem zeitlichen Vergleich ersichtlich, dass die höchste Kompetenzstufe im letzten durchgeführten Verfahren 2019 weniger stark besetzt ist als in zurückliegenden Vergleichsjahren (wir haben uns 2016 angesehen) und die niedrigste stärker. Beim Lesen liegen bei diesem Vergleich 43 % der Kinder auf den unteren beiden Kompetenzstufen, 2016 waren es 30 %. Im Zuhören sind die Kinder heute allerdings laut VERA stärker als 2016, die anderen Kategorien lassen sich nicht eindeutig vergleichen, erlauben aber die Aussage sinkender Kompetenz im mathematisch-technischen Bereich. https://www.schulentwicklung.nrw.de/e/upload/vera3/mat_2019/Bericht_VERA3-2019.pdf  
[3] https://www.goethe.de/de/spr/mag/20483052.html (21.8.2020)